HALLUX VALGUS
Der „Hallux“ ist unsere Großzehe,
„valgus“ bedeutet Abweichung nach seitwärts, von der gedachten Mittelebene
des Körpers weg, also zur Kleinzehe hin. Diese Seitabknickung der Großzehe
im Grundgelenk geht meist mit einer Innendrehung des Großzehengrundgliedes und
einer Abspreizung des 1. Mittelfußknochens nach innen (also im Gegensatz zur
Großzehe) einher.
Wie
entsteht ein Hallux valgus? Fast immer ist der Hallux
valgus eine sekundäre Formveränderung,
die bei Fußfehlformen wie z. B. dem Spreizfuß, Plattfuß oder Knickfuß
relativ häufig auftritt. Nur selten ist der Hallux
valgus durch eine Störung der
Wachstumsfuge im Bereich der Großzehe angeboren. Der Begriff „sekundäre
Formstörung“ weist darauf hin, dass der Hallux valgus Folge anderer Störungen
ist. Ursachen sind häufig
eine ererbte, den Körper systemisch betreffende Bänder- und Bindegewebsschwäche.
Diese verursacht die Entstehung meist eines Senk-Spreizfußes, wobei das Längsgewölbe
sich immer mehr abflacht, das beim Abrollen stark belastete Quergewölbe immer
breiter auseinander weicht und damit die Schwäche der Bandverbindungen zwischen
den Mittelfußknochen offensichtlich macht. Hinzu kommt meistens noch ein
muskuläres Ungleichgewicht, weil wir durch unseren Wohlstand und das Aufwachsen
nicht immer in „grüner Umgebung“ schon in der Kindheit viel zu häufig und
über den Tag viel zu lang Schuhe tragen. Das Training der kurzen Fußbinnenmuskulatur,
die dem Aufspreizen des Fußgewölbes entgegenwirken kann, wird so verhindert. Ungeeignetes Schuhwerk z. B. mit zu engem Vorfußbereich oder zu stark angehobener Ferse spielt eine große Rolle zur Begünstigung der Formveränderung. Je mehr die Großzehe zum Fußaußenrand abweicht, desto mehr verstärken Beuge- und Streckzehe diese Tendenz. Ähnliche Wirkungen zeigen auch Teile der Fußmuskulatur, wie z. B.
der M. adductor hallucis, auch er wirkt mit einem zunehmend kraft- und
wirkungslosen Gegenspieler immer mehr auf die Abknickung der Großzehe hin, je
weiter sie bereits abgewichen ist. Ähnlich begünstigend wirken
sich auch die statischen Veränderungen z. B. des Fußlängsgewölbes aus.
Wie
stellt man einen Hallux valgus fest? Sowohl Hausärzte, Orthopäden,
Chirurgen in Praxis, Akuthaus oder Reha-Klinik können einen Hallux valgus, wie
Sie selbst, mit einem Blick feststellen. Typisch ist immer die vorbeschriebene
Abweichung der Großzehe im Grundgelenk zur Kleinzehe hin, zusätzlich wegen des
nach innen abgespreizten Mittelfußknochens der deutlich hervortretende, meist
sehr druckempfindliche, manchmal auch entzündlich gerötete „Ballen“.
Darunter liegt das Köpfchen des Mittelfußknochens I. Wegen des ständigen verstärkten
Drucks im Schuh entwickeln sich häufig Reizzustände mit entzündeten
Schleimbeuteln, druckbedingten Veränderungen der Haut, die das Tragen
“normaler“ Schuhe immer mehr erschweren. Dies führt dann häufig auch in
der Reha zu Nachfragen, was man denn hier tun könne. Doch dazu noch später
mehr. Wie bereits angesprochen, ist
dieses Auseinanderweichen des Vorfußes, als Spreizfuß bezeichnet, häufig
wegen der mitbegleitenden Bänderschwäche auch von einem Absenken des Längsgewölbes
– „Senkfuß“ – begleitet. Die Extremform des Senk-Spreizfußes sind dann
der Knick-Spreiz- oder Plattfuß. Schließlich kommen auch häufig
Schmerzen im Bereich des Großzehenballens (Fußsohle unter dem Großzehengrundgelenk)
mit verhornter Auftreibung der Haut, lokaler erheblicher Druckschmerzhaftigkeit
und Schmerzen beim Abrollen des Fußes hinzu. Früher unbeeindruckte Wanderer
klagen so über Schmerzen schon nach kurzer Gehstrecke. Häufig ist die Senk-Spreizfußdeformität
mit Hallux valgus mit Hammer- oder Krallenzehen vergesellschaftet. Durch das
Abweichen der Großzehe nach außen wird den kleineren Zehen im relativ zu engen
vorderen Anteil des Schuhs der Platz genommen, so dass diese über oder unter
die große Zehe zu Liegen kommen, des Weiteren in einer krallenartigen Form,
nach oben gekrümmt, einsteifen. Beim Hausarzt, in der Klinik
oder in der Reha kann dann bei Unsicherheit noch ein Röntgenbild durchgeführt
werden, das die Diagnose eindeutig durch Aufspreizung des Mittel- und Vorfußes,
der Abweichung der Großzehe endgültig sichert. Häufig sind dann leider auch
die arthrotischen Veränderungen, insbesondere im Großzehengrundgelenk, zu
sehen, Folge der gestörten Gelenkmechanik und des gestörten Abrollens der Großzehe.
Wer
ist durch Hallux valgus meist betroffen? Auch diese Frage wird in der
Reha häufig gestellt. Die Gesamthäufigkeit des Hallux valgus im
Krankengut wird je nach Quelle mit maximal 30 % angegeben, steigt jedoch ab der
4. Lebensdekade deutlich an. Meist betroffen sind Frauen, bei denen auch die
Behandlungsbedürftigkeit wesentlich höher liegt als bei den Männern. Hier ist
die vorherrschende Damenschuhmode mit engen, spitzen, hochhackigen Produkten
stark beteiligt. Weitere Gründe, wie oben angeführt, sind jedoch auch die bei
den Frauen häufiger auftretenden muskulären Defizite und Bindegewebsschwäche.
Viele Frauen können auch von einem familiär gehäuften Vorkommen bestätigend
berichten.
Wie
ist der Hallux valgus zu therapieren? Grundsätzlich gibt es hier die
konservative Behandlung, andererseits die operative Therapie.
Konservative
Behandlung: Diese Behandlungsinhalte können
sowohl durch den Hausarzt wie auch in der Reha durchgeführt werden. Zunächst sollte der Patient über
die o. g. Grundlagen der Erkrankung informiert werden, also über die meist
zugrunde liegenden Probleme mit dem Bindegewebe und muskulärer Insuffizienz
bzw. Dysbalance. Man sollte den Patienten darüber
aufklären, dass die Aussichten der konservativen Behandlung i. S. einer Heilung
sehr gering sind, dass das Fortschreiten dieser „Erkrankung“ lediglich
zeitweilig aufgehalten bzw. verlangsamt werden kann. Insoweit ist eine konservative
Behandlung nur erfolgversprechend in frühen Stadien bei leichten Fällen und
somit bei jüngeren Patienten. Durchgeführt wird sie aber auch bei älteren
Patienten, die eine Operation nicht durchführen lassen können oder wollen.
Schuhwerk: Die Patienten sollten, und dies
kann schon in der Reha begonnen werden, insbesondere bei größeren Gehstrecken
oder sportlichen Aktivitäten, jedoch auch bei langem Stehen oder Gehen, Schuhe
mit genügend Zehenspielraum und flachen Absätzen tragen. Hochhackige, spitze
und im Vorfußbereich enge Schuhe sind kontraindiziert.
Eigenaktivität: Wie z. B. auch in einer Reha zu erlernen, ebenfalls beim Krankengymnasten zu Hause, sollte man Zehengymnastik durchführen, regelmäßige Abspreizübungen der Großzehe machen, um das muskuläre Ungleichgewicht günstig zu beeinflussen. Auch das „Barfußgehen“ kann bei geeigneten Böden und nicht zu starken und schmerzhaften Veränderungen noch Hilfe bringen.
Schuhversorgung: Wir in der Reha führen bei
Hallux valgus mit Senk-Spreizfuß
eine Druckentlastung des Großzehenballens durch z. B. seitliche Ausweitung des
Schuhoberleders aus, jedoch haben sich Einlagen mit retrokapitaler Abstützung
(Abstützung hinter den Köpfchen der Mittelfußknochen) als wirksam erwiesen. Druckentlastende
Schaumstoffpolster können ebenfalls die Beschwerden verringern. Falls
aufgrund langen Bestehens der Fehlstellung bereits eine deutliche
Arthrose im Großzehengrundgelenk hinzu gekommen ist, kann eine Hallux rigidus -
Einlage, eine das Abrollen des Vorfußes übernehmende Ballenrolle mit
versteifter Sohle diese Beschwerden lindern. Wenn eine Operation oder
Versorgung mit Konfektionsschuhen nicht mehr möglich ist, können auch
entsprechend auf Maß gefertigte orthopädische Schuhe mit allen
Korrekturmechanismen in Kombination durch den Hausarzt oder auch in der Reha
indiziert und verordnet werden.
Fußbehandlung: Gelegentlich rezeptieren wir bereits in der Reha eine Hallux valgus -Nachtschiene, die genauso wie ein Stück Schaumstoff oder Filz zwischen 1. und 2. Zehe gelegt werden kann und somit ein Fortschreiten der Fehlstellung behindert. Ansonsten ist jedoch diese Behandlung mit Nachtschiene eher den Patienten nach entsprechender Operation vorbehalten, hier liegt die Wirksamkeit i. S. einer Prophylaxe erheblich höher. Entzündungen des Fußballens
z. B. bei einer Schleimbeutelentzündung über dem sich vorwölbenden Mittelfußköpfchen
können z. B. mit antientzündlichen Medikamenten wie Diclofenac, Umschlägen
lokal mit Rivanol oder Polividon-Jod behandelt werden.
Operative
Therapie: Die operative Therapie des Hallux valgus kennt mindestens 150 Operationstechniken mit teils minimalen Abweichungen voneinander, so dass diese hier nicht genannt werden sollen. Der klinische und radiologische Befund spielen für die Auswahl des letztendlich zu nutzenden Operationsverfahrens eine ebensolche Rolle wie die dem Operateur bekannten Techniken und seine persönliche Erfahrung. Es können durchaus auch unterschiedliche Verfahren gleichermaßen erfolgversprechend sein. Aus diesem Grunde sollten Sie sich vertrauensvoll einem erfahrenen Operateur aus den Fachrichtungen Chirurgie oder Orthopädie zu einer entsprechenden Beratung zuwenden. Die operativen Verfahren sind mittlerweile erprobt und zeichnen sich durch eine überwiegend sehr gute Erfolgsaussicht aus. Rezidive (ein Wiederkehren der Fehlstellung) können jedoch auch hier nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werden. Wir freuen uns, wenn wir Ihnen helfen können. Ihr Dr. med. R. Wieczorek
Zur Klärung
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Ihnen unser Chefarzt im persönlichen Gespräch gerne zur Verfügung. Bitte
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